KI-Praxistipps

Was schon läuft, darf laufen

Frank Rath
Was schon läuft, darf laufen

Wenn ein Betrieb sagt, seine Software nervt, ist der erste Impuls: dann weg damit. Das ist fast immer die teuerste Antwort und selten die richtige.

Was in der alten Software steckt

Zehn Jahre Kundendaten. Preise, die über die Zeit gewachsen sind. Textbausteine, die jemand irgendwann formuliert hat und die sich bewährt haben. Und viel mehr Wissen, als in der Datenbank steht: welches Feld wofür missbraucht wird, welche Auswertung man nicht anfassen darf, wo der eine Kunde mit den Sonderkonditionen steht.

Eine Ablösung wirft das nicht nur weg — sie muss es übertragen. Und Migration ist der Teil, den alle unterschätzen. Nicht die Technik: die Entscheidung, was mit den vierhundert Karteileichen passiert und mit den Adressen, die in drei Schreibweisen existieren.

Der Grund, warum trotzdem abgelöst wird

Weil es einfacher zu verkaufen ist. Ein neues System ist ein klares Angebot mit klarem Preis. Eine Ergänzung ist erklärungsbedürftig.

Und weil der Betrieb selbst es oft will. „Einmal richtig machen“ ist ein verständlicher Wunsch, wenn man jahrelang mit etwas gelebt hat, das hakt.

Was meistens tatsächlich nervt

Fragt man genauer nach, ist es selten das ganze System. Es sind zwei, drei Stellen.

Die Rechnung kann kein E-Format. Die Zeiterfassung läuft auf Zetteln, weil das Modul nie eingeführt wurde. Die Auswertung, die der Chef bräuchte, gibt es nicht, also baut er sie in Excel.

Drei konkrete Probleme. Das System als Ganzes läuft — es kann nur drei Dinge nicht, die inzwischen wichtig geworden sind.

Ergänzen statt ersetzen

Wenn die drei Stellen das Problem sind, löst man die drei Stellen.

Die Zeiterfassung wird ein kleines Ding auf dem Handy, das die Daten dorthin schreibt, wo sie gebraucht werden. Die Rechnung bekommt einen Weg ins richtige Format. Die Auswertung entsteht aus Daten, die ohnehin da sind.

Das alte System läuft weiter. Es muss nicht sterben, damit etwas Neues leben kann.

Wann sich Ablösung trotzdem lohnt

Es gibt Fälle, in denen sie richtig ist.

Wenn der Hersteller die Software abgekündigt hat und keine Sicherheitsupdates mehr liefert. Wenn es keine Möglichkeit gibt, an die eigenen Daten heranzukommen — das ist häufiger, als man denkt, und ein guter Grund zu gehen. Wenn die laufenden Kosten in keinem Verhältnis mehr stehen. Oder wenn der Betrieb sich so verändert hat, dass das System eine Firma abbildet, die es nicht mehr gibt.

In diesen Fällen ist Ablösung kein Reflex, sondern eine Entscheidung.

Die Frage vorher

Bevor irgendjemand über Ablösung redet, gehört eine Liste auf den Tisch: Was genau funktioniert nicht?

Nicht „das System ist alt“. Sondern: An welcher Stelle, in welchem Vorgang, wie oft, mit welcher Folge?

Diese Liste ist meistens kürzer als erwartet. Und sie beantwortet die Frage von allein.

Warum wir das so handhaben

Weil ein Betrieb, dem man alles nimmt, für Monate gelähmt ist. Und weil eine Ergänzung, die funktioniert, mehr Vertrauen schafft als ein Großprojekt, das vielleicht funktioniert.

Wenn nach zwei Ergänzungen klar wird, dass das alte System doch weg muss, ist das immer noch möglich — dann aber mit einem Betrieb, der weiß, wie wir arbeiten, und mit Daten, die inzwischen sauber sind.

Im nächsten Teil: Warum dieselbe Lösung in zwei Betrieben verschieden aussieht.

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Bestehende Software ergänzen statt ersetzen: Wann sich Ablösung lohnt | Hanse-KI-Consult Blog